Scope 3 ist der „unsichtbare Eisberg“ der Unternehmensemissionen – und macht in vielen Branchen rund 80 % des gesamten CO₂-Fußabdrucks aus. Dieser Beitrag zeigt, warum Unternehmen gerade hier ihre größten Hebel finden: von Risiken in der Lieferkette über Preissteigerungen bei CO₂-intensiven Produkten bis hin zu klareren Investitionsentscheidungen. Für KMU wird deutlich: Auch wenn die vollständige Scope-3-Bilanz komplex ist, lohnt sich der Einstieg – denn er schafft Transparenz, stärkt die Glaubwürdigkeit und ermöglicht messbare Reduktionen.
Ihr fragt Euch jetzt, ob das Thema überhaupt für euer Unternehmen geeignet ist und welche Vorteile Ihr davon habt?
Scope-3-Emissionen betreffen jedes Unternehmen – aber KMU profitieren besonders von einem strukturierten Einstieg. Die Bilanzierung und Analyse der vor- und nachgelagerten Wertschöpfungskette bietet handfeste wirtschaftliche Vorteile:
- Preis- und Risikotransparenz: CO₂-intensive Produkte verteuern sich durch steigende Zertifikatpreise.
- Bessere Investitionsentscheidungen: Emissionen können als Kosten in Berechnungen einfließen.
- Wettbewerbsvorteile: Kunden, Banken und andere Stakeholder verlangen zunehmend Daten zu Scope 3.
- Reduktionspotenziale dort, wo der Großteil aller Emissionen entsteht.
- Einfluss auf die Lieferkette: Die Nachfrage nach datenbasierten Nachhaltigkeitsinformationen erhöht den Druck und verbessert die Zusammenarbeit.
Damit wird Scope 3 zu einem strategischen Faktor für wirtschaftliche Stabilität und Zukunftsfähigkeit.
Scope 3: Der größte Teil des Eisbergs
Der Vortrag startet mit einer klaren Einordnung: Während Scope 1 und 2 zusammen meist nur 20 % der Emissionen eines Unternehmens ausmachen, liegen rund 80 % in Scope 3 – also in der gesamten Wertschöpfungskette.

Branchenunterschiede gibt es zwar, aber der hohe Anteil von Scope 3 ist überall ähnlich: in Beispielen liegt er zwischen 77 % und 90 %.
Warum Scope-3-Emissionen erfassen?
Der Nutzen ergibt sich aus mehreren Aspekten:
- Relevanz: Der größte Teil der Klimawirkung entsteht außerhalb des Unternehmens.
- Risikomanagement: CO₂-intensive Rohstoffe werden teurer, weil Zertifikate steigen.
- Investitions- und Einkaufsentscheidungen: Emissionen können als Kostenfaktor berücksichtigt werden.
- Zielsetzung: Ohne Kenntnis der Hauptemissionsquellen lassen sich keine realistischen Reduktionsziele setzen.
- Lieferkettendruck: Anfragen an Lieferanten erhöhen den kollektiven Beitrag zur Reduktion.
- Stakeholderanforderungen: Banken und EU-Regulierung verlangen zunehmend Daten und Bewertungen.
Scope-3-Bilanzierung ist somit Voraussetzung für eine glaubwürdige Klimastrategie.
Upstream: Die Emissionen vor dem Werkstor
Scope 3 umfasst insgesamt 15 Kategorien, von denen acht im vorgelagerten Bereich liegen.
Diese werden im Folgendem im Detail erklärt:
3.1 Eingekaufte Waren und Dienstleistungen
Emissionen entstehen entlang der gesamten Wertschöpfungskette – vom Rohstoffabbau bis zum Werkstor des Unternehmens.
3.2 Anlagegüter
Bauten, Maschinen oder andere langfristige Güter werden vollständig betrachtet, inklusive aller vorgelagerten Prozesse.
3.3–3.4 Eingekaufte Energie (vorgelagert)
Strom oder Wärme decken in Scope 2 nur die Kraftwerksemissionen ab – aber Rohstoffabbau, Transport und Herstellungsprozesse gehören zu Scope 3.
3.5 Transport
Alle Transportleistungen der Lieferanten – sowohl eigene als auch externe Transporte – müssen berücksichtigt werden.
3.6 Geschäftsreisen
Alle Dienstreisen, die nicht mit Firmenfahrzeugen erfolgen.
3.7 Pendeln der Mitarbeitenden
Der tägliche Arbeitsweg – Pkw, Bahn, Fahrrad, Pedelec – wird vollständig einbezogen.
3.8 Vermietete Sachanlagen (Upstream)
Emissionen aus der Herstellung oder dem Betrieb von angemieteten Gebäuden oder Anlagen.
Downstream: Emissionen nach dem Verkauf
3.9 Transport zum Kunden
Alle Transportdienstleistungen bis zur Auslieferung.
3.10 Weiterverarbeitung (B2B)
Werden Produkte weiterverarbeitet, müssen die Emissionen dieser Prozessschritte berücksichtigt werden.
3.11 Nutzung der verkauften Produkte
Beispiel: Ein Pkw-Hersteller muss abschätzen, wie viele Kilometer Kund*innen mit dem Fahrzeug fahren und welche Emissionen dadurch entstehen.
3.12 Entsorgung
Emissionen aus Recycling oder Vernichtung am Lebensende eines Produkts.
3.13 Betrieb vermieteter Anlagen
Wenn ein Unternehmen Anlagen betreibt, die andere nutzen, zählen die Emissionen ebenfalls zu Scope 3.
3.14 Franchising
Relevant, wenn ein Unternehmen selbst Franchisegeber ist.
3.15 Investitionen
Emissionen aus Projekten oder Unternehmen, die finanziert werden – besonders relevant für Finanzinstitute, aber auch für KMU möglich.
Warum werden Scope-3-Emissionen mehrfach gezählt?
Die Mehrfacherfassung ist beabsichtigt. Wenn alle Unternehmen in der Kette bilanzieren, steigt der Druck, Emissionen zu reduzieren – sowohl upstream als auch downstream.
Vorgehen zur Scope-3-Bilanzierung
-
Ziele und Methodik festlegen
Aus Unternehmenszielen ergibt sich, welche Kategorien besonders relevant sind.
-
Aktivitäten auswählen
Nicht alle 15 Kategorien müssen zu Beginn berücksichtigt werden – empfehlenswert ist ein Start mit Bereichen, die einfach erreichbar sind, z. B.:
- Geschäftsreisen
- Pendelverkehr
-
Datenquellen identifizieren
- Rechnungswesen
- Lieferantenabfragen
- Datenbanken mit Branchendurchschnittswerten
-
Bilanz erstellen und Ziele ableiten
Die Ergebnisse ermöglichen Hotspot-Analysen – z. B. Emissionsanteile von Rohstoffen, Transport oder Nutzung.
-
Externe Prüfung (optional)
Wirtschaftsprüfer oder Zertifizierer können die Bilanz kontrollieren.
-
Kommunikation und Strategieentwicklung
Ergebnisse veröffentlichen, Strategie definieren und intern wie extern kommunizieren.
-
Kontinuierliche Verbesserung
Mit jedem Jahr können weitere Aktivitäten ergänzt und ambitionierte Ziele entwickelt werden.
Herausforderungen bei Scope-3-Emissionen
Scope-3-Emissionen sind komplex und gehören zu den anspruchsvollsten Bereichen der Klimabilanz. Typische Stolperpunkte treten dabei immer wieder auf:
- Lieferanten haben oft keine eigenen Daten.
- Es wird anfänglich mit Durchschnittswerten gearbeitet.
- Die Datenerhebung ist aufwendig und erfordert interne Kapazitäten.
- Fachwissen ist notwendig, um Emissionsfaktoren korrekt abzuleiten.
Trotz dieser Herausforderungen bietet sich ein stufenweiser Einstieg an. Besonders geeignet sind Bereiche, die Unternehmen direkt beeinflussen können – etwa Geschäftsreisen, Pendelverhalten oder erste Materialkategorien.
Hotspot-Analyse: Wo entstehen die größten Emissionen?
Eine Hotspot-Analyse zeigt, an welchen Stellen in der Wertschöpfungskette die größten Emissionsanteile entstehen.
Die Beispielgrafik zeigt:
- 64 % aller Emissionen liegen im vorgelagerten Bereich,
- z. B. 25 % allein in eingekauften Rohstoffen,
- 9 % in Geschäftsreisen.

Damit werden konkrete Maßnahmenbereiche sichtbar, wo die größten Hebel liegen und bei der Entwicklung einer Klimastrategie mit als erstes berücksichtigt werden sollte.
Warum Scope 3 für Unternehmen unverzichtbar ist
Scope 3 ist komplex, aber entscheidend um die tatsächliche Klimawirkung eines Unternehmens zu verstehen und wirkungsvolle Maßnahmen ableiten zu können.
Die wichtigsten Gründe im Überblick:
- Der Großteil der Emissionen entsteht nicht im Unternehmen selbst, sondern in der Wertschöpfungskette.
- Transparenz schafft Wettbewerbsvorteile und schützt vor Fehlinvestitionen.
- KMU können mit wenigen, gut steuerbaren Bereichen beginnen. https://vimeo.com/1014859215
- Eine vollständige Scope-3-Bilanz ermöglicht wirksame Maßnahmen und realistische Reduktionsziele.
Wer Scope 3 ernst nimmt, erschließt nicht nur seinen größten Klimawirkungsbereich, sondern stärkt langfristig Wirtschaftlichkeit und Glaubwürdigkeit.
Hinweis: Dieser Text wurde vom Redaktionsteam connectSHub mit KI-Unterstützung erstellt und inhaltlich geprüft. Grundlage des Inhalts ist das Transkript des Impulses aus unserer Veranstaltung:
Aufzeichnung vom 01.10.2024: Klimabilanzierung Scope 3 – Prof. Dr. Michael Lühn