2025 war kein gutes Jahr für das Nachhaltigkeitsmanagement. Stellen wurden abgebaut, Budgets gestrichen, Mandate in Frage gestellt. Und doch: Wer die Welle überlebt hat, steht heute oft besser da als zuvor – mit mehr Handlungsspielraum, klareren Zielen und einem Mandat, das nicht mehr auf Regulatorik beruht.
Alexander Kraemer von Sustainability People hat beim connectLive am 5. März Daten präsentiert, die das besser zeigen als jede Stimmungsbeschreibung. Kraemer betreibt eine Vermittlungsagentur für Nachhaltigkeitsexpertise und erhebt quartalsweise die Stimmungslage in der Branche – ein Instrument, das er selbst als „Ifo-Index für Nachhaltigkeitsmanagement“ beschreibt.
Wie das Stimmungsbarometer entstand
Die Idee kam aus einer Lücke. Der Sustainability Transformation Monitor (STM) – eine der wichtigsten Branchenstudien – hatte die Frage nach Gehältern im Nachhaltigkeitsmanagement aus seinem Erhebungsraster gestrichen. Kraemer, der drei Jahre lang an der Entwicklung des STM mitgearbeitet hatte, wollte diese menschliche Ebene nicht verloren gehen lassen.
Also baute er ein eigenes Instrument: quartalsweise Befragungen, die nicht nur Gehälter, sondern auch Stimmung, Herausforderungen und Zukunftserwartungen erfassen. Das Ergebnis ist ein rollierendes Lagebild der Branche – und ein Frühindikator für das, was in Unternehmen gerade wirklich passiert.
Der Omnibus-Schock
Am 26. Februar 2025 wurde der EU-Omnibus angekündigt – eine weitreichende Deregulierung von Berichtspflichten. Was folgte, war mehr als bürokratische Entlastung.
In 40 bis 50 Prozent der Nachhaltigkeitsabteilungen wurden Projekte gestoppt. Stellen wurden abgebaut oder nicht verlängert. Der gesamte Beratungsmarkt brach um 60 bis 80 Prozent ein. Bildungsträger, Veranstaltungen, Dienstleistungsangebote – vieles verschwand fast über Nacht.
Kraemer nennt es eine Blase, die geplatzt ist. Die Deregulierung hat eine Nachhaltigkeitsindustrie entlarvt, die teilweise auf regulatorischem Druck statt auf realem Mehrwert gebaut war. Besonders einschneidend war dabei nicht die Deregulierung selbst, sondern das Narrativ, das sie begleitete: Nachhaltigkeit ist nicht mehr wichtig, nicht mehr dringlich. Dieses Signal hat laut Kraemer mehr ausgelöst als die eigentlichen Gesetzesänderungen.
Ein Webinar für Arbeitslose – und was es zeigt
Im Herbst 2025 war die Situation auf dem Jobmarkt so ernst, dass Kraemer spontan ein Webinar für Nachhaltigkeitsverantwortliche ohne Stelle organisierte. Er rechnete mit vielleicht 50 Teilnehmenden. Am Donnerstagvormittag um 11 Uhr meldeten sich 442 Menschen an – Menschen, die an einem Werktag Zeit hatten, weil sie keinen Job mehr hatten.
Das war der Tiefpunkt. Und gleichzeitig ein Wendepunkt: Die Branche begann, sich zu organisieren, Erfahrungen zu teilen, neue Wege zu finden.
Was das Stimmungsbarometer zeigt
Kraemers Erhebung dokumentiert den Absturz und die langsame Erholung präzise. 432 Befragte im aktuellen Durchlauf – deutlich mehr als die 120, die kurz nach dem Omnibus noch teilnahmen. Allein diese Zahl zeigt: Das Engagement in der Community wächst wieder.
Die größten Herausforderungen laut aktueller Umfrage:
- Stark gekürzte Budgets
- Regulatorische Unsicherheit
- Fehlende Priorisierung durch die Geschäftsleitung
Letzteres war vor zwei Jahren noch kein Top-Thema. Das Thema ist von der Vorstandsagenda gerutscht – was die Arbeit erheblich erschwert, aber auch den Handlungsspielraum verändert.
„Wenn du die Welt retten willst, gewinn erstmal ein paar Kunden“
Kraemer beschreibt die Ausgangslage vieler Nachhaltigkeitsverantwortlicher in KMU mit einer Anekdote aus seiner eigenen Karriere: Er arbeitete allein, hatte kein Budget, und sein Chef saß vor ihm und sagte: „Alex, wenn du die Welt ein bisschen retten willst, dann gewinn erstmal ein paar Kunden.“
Genau das ist die Realität in vielen mittelständischen Unternehmen – und genau da setzt das neue Nachhaltigkeitsmanagement an. Nicht mehr Reporting um des Reportings willen, sondern: Wie kann ich durch Nachhaltigkeit Kunden gewinnen, Kosten senken, Risiken reduzieren?
Kraemers Agentur Sustainability People arbeitet mit über 260 Berater:innen und Freelancern aus dem Nachhaltigkeitsbereich. Das neue Modell: 20 Unternehmen werden pro Thema zusammengebracht – Dekarbonisierung, Business Case Entwicklung, rechtskonforme Kommunikation – und tauschen sich offen aus. Keine Wettbewerbsangst, sondern kollektives Lernen.
Wer geblieben ist, hat mehr Mandat
Wer die Welle überlebt hat, steht oft besser da als vorher. Die verbliebenen Nachhaltigkeitsverantwortlichen haben häufig ein stärkeres und klareres Mandat. Nicht mehr „füll diese Excel-Tabelle aus für das nächste Quartal“, sondern: weißes Blatt, echte Gestaltungsaufgabe.
Der Fokus hat sich verschoben – weg von Compliance und Reporting, hin zu wirtschaftlichem Beitrag. Kann Dekarbonisierung Geld sparen? Kann nachhaltige Produktentwicklung Wettbewerbsvorteile schaffen? Kann ein verbessertes Lieferkettenmanagement Risiken reduzieren? Das sind die Fragen, die heute Gehör finden.
Wo der Druck heute herkommt
Nicht mehr primär von Gesetzen – sondern von Kunden, Banken und Investoren. Kraemer nennt ein konkretes Beispiel: Große Lebensmitteleinzelhändler wie DM, Rossmann oder Aldi treiben Dekarbonisierung in ihren Lieferketten – nicht weil sie regulatorisch müssen, sondern weil es für sie strategisch wichtig ist. Wer sein Produkt in deren Regal haben will, muss heute über Klimabilanz und Lieferkettentransparenz reden können.
Das ist diffuser als ein Gesetz, aber beständiger. Und es eröffnet einen neuen Einstieg: Nachhaltigkeit als Argument im Vertrieb, als Differenzierungsmerkmal, als Signal für potenzielle Mitarbeitende – nicht als Pflicht im Reporting.
Der Ausblick: vom Pflichterfüllung zum Business Case
Kraemers Prognose für die nächsten 12 bis 24 Monate: Der Trend geht klar von Pflichterfüllung zum Business Case. Nachhaltigkeit wird zum Werttreiber – oder es wird gar nichts. Wer diesen Wandel vollzieht, hat gerade jetzt eine echte Chance, wo viele Mitbewerber das Thema runtergefahren haben.
Seine persönliche Empfehlung an die Community: Ideen klauen erlaubt. Die Nachhaltigkeitsszene zeichnet sich durch außergewöhnliche Offenheit aus – Verantwortliche teilen ihre Erfahrungen auch mit Wettbewerbern, weil das gemeinsame Ziel größer ist als der individuelle Vorteil. Wer diese Vernetzung aktiv nutzt, kommt schneller voran als jeder, der es alleine versucht.
Mehr aus dem connectLive vom 5. März
→ Von der Euphorie zum Absturz – und warum Greentech trotzdem wächst
→ Lean Management und Nachhaltigkeit: der unterschätzte Zusammenhang